Warum ist Barhuf laufen gesünder für ein Pferd?
Der Huf ist kein passiver Hornklotz, sondern ein aktives Organ. Bei jedem Schritt verformt er sich minimal, federt die Last ab und unterstützt die Durchblutung des Beins: der natürliche Hufmechanismus ist hier die zentrale Fähigkeit des Hufs. Zum Glück wird das lange verbreitete Denkmuster „Ein Pferd braucht Eisen“ zunehmend hinterfragt und anhand biomechanischer Erkenntnisse neu bewertet.
Ich möchte hier nicht per se das Beschlagen von Pferden verteufeln, denn es hat in der Geschichte eine wichtige Rolle gespielt und in gewissem Fällen ist es eine sinnvolle Wahl. Inbesondere gibt es heutzutage Kunststoffbeschläge und Beklebe, die den Abriebschutz alternativ gewährleisten können. Nichtsdestotrotz bringt ein Beschlag immer eine Einschränkung der Funktionsweise des Hufes mit und dieses Bewusstsein möchte ich hier erhöhen.
Welche Funktionen erfüllen die Hufe überhaupt?
Der berühmte Satz "Der Huf ist das Fundament des Pferdes" trägt eine offensichtliche Funktion der Hufe in sich. Das Pferd steht auf seinen Hufen, sie übertragen die Kraft bei der Fortbewegung über den Boden und bieten dem empfindlichen Gewebe und den Knochen einen Schutz gegenüber Umweltreizen. Daneben leistet einen Huf im gesunden Zustand weniger offensichtliche Aufgaben:
Stoßdämpfung
Der Huf dämpft bei einer leichten Trachtenfußung den ersten Stoß mit dem Boden. Das passiert, indem der
hintere Hufbereich
sich unter Belastung ausdehnt. Diese Ausdehnung ist als Hufmechanismus bekannt, der aber nicht nur bei einem
geraden Auffußen arbeitet. Stark verbreitet wurde das Wissen über die logitudinale Flexibilität des Hufes
(also in der vertikalen Achse) von dem Hufschmied Daniel Anz (F-Balance). Tritt das Pferd beispielsweise mit
einer inneren Hufhälfte auf einen Stein, komprimiert sich
die Hufhälfte und der Ballen verschiebt sich ggf. kurzzeitig nach oben. Ohne die Bewegung der Hufkapsel
würde jeder Stoß direkt an die Fessel geleitet. Der
angrenzende Sehnenapparat und die Gelenke würden übermäßig belastet.
Durchblutung und Stoffwechsel
Durch die Bewegung der Hufkapsel beim wechselnden Be- und Entlasten des Hufs wird die Blutzirkulation
angeregt. Das
ist nötig, um den
Nährstofftransport in die Lederhäute zu gewährleisten. Die Grundlage für stabiles Horn sind ausreichend
Nährstoffe. Außerdem werden die Nerven mit Blut versorgt, was zugleich die letzte Aufgabe des Hufs
unterstützt: Tasten.
Tastorgan und Trittsicherheit
Pferde erspüren den Untergrund mit ihren Hufen und können daraufhin ihr Laufverhalten anpassen. Eine starke
Empfindlichkeit (Fühligkeit z.B. aufgrund von zu dünner Sohle) ist nicht gesund, aber ein gewisses Gefühl
für den Boden ist für jedes Pferd
wichtig. Wird beispielsweise der punktelle Druck eines Steins an der
Sohle als wahrgenommen,
kann das Pferd die Last vom Bein verlagern.
Wie Hufeisen den Hufmechanismus beeinflussen
Hufeisen schützen vor übermäßiger Abnutzung, schränken aber die natürliche Bewegung des Hufes ein. Durch das feste Aufnageln wird die Elastizität der Hufkapsel vermindert und der Hufmechanismus kann nicht mehr arbeiten.Das hat zwei direkte Folgen:
- Die Stoßdämpfung wird reduziert.
- Die Durchblutung im Huf nimmt ab.
❕Um die verminderte Durchblutung an einem Pferd zu fühlen, vergleiche einmal die Wärme eines Barhufs mit der eines beschlagenen Hufs.
Was die reduzierte Stoßdämpfung für eine Wirkung hat, ist klar: andere Strukturen werden bei jedem Auffußen schlagartig mehr belastet. Die verringerte Durchblutung des Hufs hat mehrere Auswirkungen: eine schlechtere Hornqualität und die verminderte Nervenfunktion.
Abgesehen von der Einschränkung des Hufs bringt ein Eisen weitere Nachteile mit sich. Einmal bringt es zustätzliches Gewicht an das Pferdebein. Das erhöht die Fliehkräfte beim Vorführen des Beins und belastet die Gelenke. Natürlich ist auch die Schädigung des Hufs durch die Nägel zu nennen. Auch bei korrektem Beschlagen bringt man Fremdkörper in die Nähe der empfindlichen Lederhäute und erhöht das Risiko, dass Bakterien den Weg dorthin finden.
Die Kombination aus fehlendem Abrieb und geschwächter Hornbildung führt zusammen mit langen Beschlagsintervallen dazu, dass die Hufe zu lang werden und sich verformen. Wenn die Bearbeitung vor dem neuen Beschlag entstandene Deformation nicht optimal ausgleicht, verschlechtert sich die Hufstellung mit der Zeit. Dr. Tina Gottwald beschreibt es als Teufelskreis: „Ein permanenter Beschlag macht sich selbst ‚notwendig’. Im Laufe der Jahre werden gerade ‚schlechte’ Hufe mit Beschlag immer schlechter.“
Fazit
Grundsätzlich ist der Huf ohne Beschlag nicht extern in seiner Funktionsweise eingeschränkt. Wenn der Hufmechanismus arbeitet, kann er die genannten Aufgaben erfüllen. Aber natürlich ist nicht jeder Barhuf gleich gesünder als ein Huf mit Eisen. Barhufe brauchen in der Regel genauso einen Ausgleich zum fehlenden Abrieb, dem die domestizierten Pferde nahezu alle unterliegen. Zu lange Hufe, ein infizierter Strahl oder untergeschobene Trachten sind Beispiele, die den Hufmechanismus bei einem Barhuf einschränken. Insgesamt braucht der Huf also gesunde Hornstrukturen sowie eine harmonische Form und Stellung, um dem Pferd ein optimaler "Schuh" zu sein.Bildquellen: Eigene Aufnahmen.
Quellen:
- Gottwald, Tina, Dr. (2015); Wunderwerk Huf - Mit natürlicher Hufpflege zum gesunden Pferd; 3. Auflage; https://www.pro-barhuf.de/pdf/Hufbuch_Auflage3.pdf [PDF-Datei] [abgerufen 24.02.2026]
- Keep It Natural e.V.; funktionale Barhufe von Isabel Zahn (NHC-Weimar) [abgerufen 11.04.2026]
- Keep It Natural e.V.; Beschlag vs Barhufpferd von Jörg Weber (Barhuf-Thüringen) [abgerufen 11.04.2026]